[wilhelmtux-discussion] Freie Software in der Stadt Bern
Sascha Brawer
brawer at dandelis.ch
Wed Mar 10 11:52:32 CET 2004
Liebe Listen
Im Berner Stadtrat (Legislative) ist für morgen Donnerstag, 11.03.04, das
Geschäft "Bericht über den Einsatz von 'OpenSource- und freier Software'
in der Stadtverwaltung Bern" traktandiert. Die Stadtverwaltung hat diesen
Bericht aufgrund eines Postulats von Natalie Imboden und Martina Dvoracek
erarbeitet.
Martina Dvoracek hat mir den Bericht der Stadtverwaltung zugeschickt und
mich nach Argumenten für eine allfällige Debatte gefragt. Sie meinte
allerdings, dass das Geschäft vermutlich kaum zu reden geben dürfte, weil
das Thema für die meisten Parlamentsmitglieder zu fremd sein dürfte.
Der Rest dieses Mails ist nun eine Art schriftliche Zusammenfassung der
Argumente, die ich Martina am Telefon gesagt habe. Ich schicke sie auf
diese Listen, weil das Thema zur Zeit auch in anderen Städten aktuell ist
-- in der Hoffnung, dass die Argumente auch anderen als Basis für ihre
jeweilige Arbeit dienen können.
* * *
Dem Bericht nach zu schliessen hat die Berner Stadtverwaltung die
wichtigsten Punkte der freien Software korrekt erfasst; das Papier ist
also durchaus in Ordnung. Aber es ist auch eine sehr zögerliche,
abwartende Haltung herauszuspüren. Vor 20 Jahren kursierte in der
Informatik der Spruch "nobody ever got fired for buying IBM". Das scheint
immer noch zu gelten, wenn man den Satz an die heutigen Monopolistin anpasst.
Ein absolut zentraler Punkt fehlt im Bericht leider vollständig: Bei der
Umstellung auf freie Software geht es eigentlich nur am Rand um den
Wechsel von einer Plattform zur anderen, die gewisse technische und
finanzielle Vorteile besitzt. Natürlich ist bei freier Software die
Sicherheit höher, und es lässt sich Geld sparen. Viel wichtiger ist aber
das "Empowerment" der Lizenznehmer. Die "Freiheit" bei freier Software
bedeutet ja vor allem, nicht von einer einzelnen Herstellerin abhängig
sein, sondern Anpassungen auch ohne deren Einverständnis vornehmen zu
können. Also auch dann, wenn diese Konkurs gegangen ist, überrissene
Preise verlangt oder aus sonst einem Grund nicht mehr als Lieferantin in
Frage kommt. Diese Freiheit ist auch für eine Stadtverwaltung absolut
zentral. Denn es wird oft teuer, wenn eine Leistung nicht vom freien
Markt bezogen werden kann, und ist ungünstig, von einer einzelnen
Herstellerfirma abhängig zu sein.
Beispielsweise weist der Bericht auf Seite 4 darauf hin, dass Spezial-
Applikationen wie die Einwohnerkontrolle oder die Friedhofsverwaltung zur
Zeit fast nur unter Windows verfügbar seien. Vermutlich ist das zur Zeit
noch korrekt, aber das Argument geht am Kern vorbei. Das Ziel sollte
nicht sein, in Zukunft Steuergelder für proprietäre Linux-Software
einzusetzen (auch wenn das im Vergleich zu heute schon ein Fortschritt wäre).
Eine Stadt von der Grösse Berns ist als Kundin genügend interessant, dass
sie die Lizenzbedingungen selber diktieren kann. Bei der Ausschreibung
von Informatikprojekten könnte Bern also durchaus verlangen, dass die
Stadt im Vergleich zu heute erweiterte Rechte an der Software erhält. Es
gibt genug Firmen, die gerne Aufträge für die öffentliche Hand erledigen,
und niemand verlangt, dass diese Firmen gratis arbeiten sollen. Nur: In
Zukunft soll die Stadt auch bei Software sicherstellen, dass sie das
Recht an den Plänen und Quelltexten erhält.
Beim Bau einer Strasse bekommt die Baufirma ja auch nicht einen
Exklusivvertrag, laut dem nur sie allein den Belag ausbessern darf. Die
Stadt muss auch nicht erst die Baufirma fragen, wenn sie später einmal
ein Gebüsch pflanzen oder eine Laterne aufstellen will. Wir wollen nichts
anderes, als auch bei Software diese Hersteller-Unabhängigkeit zu erreichen.
Dieser Vergleich zeigt auch, wieso zwei der vom Bericht genannten
"Nachteile des Open-Source-Einsatzes" (Seite 4) nicht korrekt sind. Die
"fehlende Garantie, dass ein Produkt weiterentwickelt wird" braucht es
nicht, wenn die Stadt selber das Recht daran besitzt. Denn wenn eine
Weiterentwicklung nötig ist, braucht sie den Auftrag ja nur
auszuschreiben. Das Argument des "fehlenden Geschäftsmodells" ist also
schlicht falsch: Gerade die Baubranche zeigt ja, dass sich von
öffentlichen Aufträgen recht gut leben lässt.
Das dritte Gegenargument, die "Kosten und Risiken einer Migration", ist
sicherlich korrekt. Allerdings ist auch der Wechsel zu einer neuen
Windows-Version nicht eben gratis. Hier könnte man am Rand noch anmerken,
dass Maisfelder und Computer eine interessante Gemeinsamkeit besitzen.
Eine Monokultur ist zwar auf den ersten Blick billiger, aber sie birgt
auch teure Risiken: Krankheiten breiten sich schneller aus, ihre
Bekämpfung kostet aber Geld. Die vielen Arbeitsstunden zum Bekämpfen der
Viren und Würmer, die ja praktisch nur Computer mit Microsoft Windows,
Microsoft Office und Microsoft Outlook befallen, müsste in der Rechnung
korrekterweise zu den Kosten der heutigen Monopol-Situation addiert werden.
Natürlich wäre es nun unsinnig, wenn die Stadt begänne, selber freie
Software zu entwickeln. Sie kann sich aber mit anderen Gemeinden zu
Zweckverbänden zusammenschliessen, wie dies in anderen Bereichen üblich
ist. Es gibt keinen Grund, wieso die Software für die Einwohnerkontrolle
oder die Friedhofsverwaltung nicht von einer Art Konkordat ausgeschrieben
werden könnte, das dann auch die Verfügungsrechte am Produkt besitzt.
[Ein m.E. eher marginaler Punkt: Der Bericht behauptet, dass freie
Software kaum Innovationen hervorgebracht habe. Es wird angedeutet, dass
nichts Neues mehr in der Informatik entwickelt werden könnte, wenn sich
freie Software allgemein durchsetzen würde. Das ist Quatsch, und es
mangelt nicht an Gegenbeispielen (so gut wie die gesamte universitäre
Informatik-Forschung!). Offensichtlich ist aber interessierten
Aussenstehenden zuwenig klar, dass viele Innovationen zuerst als freie
Software realisiert worden sind, und dass die Offenheit der Quellen
generell Innovation begünstigt. Vielleicht müsste man das an einem
konkreten, allgemein bekannten Beispiel illustrieren, etwa der Geschichte
des WWW.]
* * *
Herzliche Grüsse,
-- Sascha
Sascha Brawer, brawer at dandelis.ch, http://www.dandelis.ch/people/brawer/
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